Waffen und Geräte der Altsteinzeit

Waffen und Geräte der Altsteinzeit
 
In der ausgehenden Altsteinzeit, dem Jungpaläolithikum, waren mit Ausnahme von Pfriemen, Nadeln und häufig auch Geschossspitzen die meisten Waffen und Geräte verziert. Zahlreiche Fundstücke stammen besonders aus dem mittleren Abschnitt des Magdalénien, einer um 18 000 bis 12 500 v. Chr. in West- und Mitteleuropa verbreiteten Jägerkultur, die uns auch Bilderhöhlen (Trois-Frères, Tuc d'Audoubert, Niaux, Bédeilhac, Ekain, Tito Bustillo) hinterlassen hat. Obwohl es sich bei den Verzierungen oft um eine reine Ausschmückung dieser Gegenstände handelte, gab es doch auch Darstellungen mit einem komplexen Inhalt.
 
Die »Baguettes demi-rondes« - Geweihstäbe mit halbrundem Querschnitt, die in einer breiten Spitze enden - wurden aus der äußeren, harten Schicht des Rengeweihs herausgetrennt. Nebeneinander gefundene oder später zusammengesetzte »Baguettes demi-rondes« zeigen, dass es sich bei diesen Stücken jeweils um die Hälfte einer dickeren Geweihspitze handelt, die ursprünglich aus zwei zusammengefügten »Baguettes demi-rondes« bestand und einen runden Querschnitt hatte. Diese Stäbe haben eine ebene, mit Strichen aufgeraute Unterseite, ihre gewölbte Oberseite wurde oft verziert. Eine Gruppe dieser Stäbe ist flächendeckend mit einem Dekor aus Kreisen, Voluten oder Mäandern versehen, wobei das Ornament nicht durch die eingetieften Linien, sondern durch die zwischen den Eintiefungen liegenden Stege gebildet wird. Mit Ausnahme eines in Isturitz gefundenen Beispiels, das aus geschwungenen Linien den Kopf eines Tieres entwickelt, bildet die Stegornamentik nur Muster. Ob die konzentrischen Kreise, Stern- und Winkelzeichen, Bögen und Schlaufen auf der Oberfläche der »Baguettes demi-rondes« eine symbolische Bedeutung hatten, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, ob die aus solchen Stäben zusammengesetzten Spitzen tatsächlich - vielleicht als Waffenspitzen - benutzt wurden.
 
Das Hauptverbreitungsgebiet der mit Stegornamentik verzierten »Baguettes demi-rondes« ist das nördliche Vorland der Pyrenäen; die wichtigsten Fundplätze sind die bedeutenden Höhlenfundplätze Isturitz und Mas-d'Azil. Zeitlich gehören diese Stücke in das Mittlere Magdalénien (Magdalénien IV). In einer etwas jüngeren Phase (Magdalénien V) trugen die »Baguettes demi-rondes« oft Tierköpfe: Bei einem Stück aus La Madeleine (Dordogne) befindet sich rechts auf dem Stab ein Bärenkopf, hinter dessen Ohr ein gefiedertes Zeichen graviert ist; vor dem Tierkopf ist ein männliches Glied graviert, weiter links vielleicht die Hoden, ganz links eine u-förmige Figur.
 
Meist aus Geweih hergestellt wurden auch die Lochstäbe, Geräte mit einer Bohrung (manchmal auch mehreren Bohrungen) und einem längeren Griff. Die Bohrung wurde in der Regel in einer Gabelung des Geweihs angebracht, den Griff bildete ein Stück der Geweihstange. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesen Lochstäben um Geräte zum Begradigen (»Strecken«) von Spitzen und Schäften aus Holz und Geweih. Da die Lochstäbe im Magdalénien oft reich verziert sind, deutete man sie unter anderem als »Kommandostab«. Zum Anbringen von Darstellungen eigneten sich besonders die Sprossenenden zu beiden Seiten der Bohrung sowie der Griff des Gerätes. Mehrfach wurden diese Partien wie ein Phallus gestaltet, die seitlichen Sprossenenden konnten auch zu einem Vogelkopf mit Schnabel geformt werden.
 
Im »Salle des Morts« der Grotte Enlène, einer durch einen Gang mit dem Höhlenheiligtum Trois-Frères verbundenen Höhle, wurde neben Siedlungsresten des Magdalénien IV ein Lochstab gefunden, dessen Bohrung ausgebrochen ist und der deshalb als unbrauchbar fortgeworfen wurde. Auf dem Griff des Lochstabes ist ein Lachs mit frei gestelltem Körper wiedergegeben, die umgebende Fläche wurde einige Millimeter tiefer gelegt; unterhalb des Lachses endet der Griff des Lochstabes mit sieben umlaufenden Rillen.
 
Der Lochstab aus der Höhle von Gourdan (Haute-Garonne) trägt in der Mitte des Griffs eine Zone plastischer Riefen, die den Schaft in eine untere und eine obere Hälfte teilen. Die Schmalseiten des Schafts tragen Gruppen von Halbbögen, die die beiden Hälften in jeweils zwei einander gegenüberliegende Bildfelder teilen. Die so entstandenen vier Bildfelder des Lochstabes von Gourdan stellen möglicherweise die Stockwerke der Welt dar. Die obere Welt ist durch ein stierköpfiges Wesen symbolisiert, an dessen Kinn zwei dreieckige Zipfel wohl einen Bart darstellen. Über und neben diesem von vorn gesehenen Stierkopf sind zwei identische Gravierungen aus einer breiteren, gebogenen Doppellinie und - quer dazu - aus einer schmalen Doppelgerade zu erkennen. Diese Zeichen könnten Vögel, vielleicht auch Rückkehrhölzer (Bumerangs) meinen. Unterhalb der Riefenzone, an der ein Zickzackband hängt, ist die mittlere Welt dargestellt. Innerhalb schraffierter Flächen springt hier eine Antilope, die man besonders wegen der Form ihrer Hörner mit den nach innen gebogenen oberen Enden und ihren großen Ohren als Gazelle identifizieren kann. Während Antilopen in besonders trockenen Klimaphasen auch im Magdalénien Westeuropas vorkamen und auch mehrfach dargestellt wurden, konnten hier die heute noch in Mittelasien auftretenden Gazellen durch Knochenfunde bisher nicht belegt werden. Unklar ist die Bedeutung der beiden kurzen Doppelstriche in diesem Tierkörper, bei denen man an Fährten denken könnte. Über der springenden Antilope ist in Frontansicht ein Pferdekopf wiedergegeben. Im unteren Teil dieses Bildfeldes sind drei übereinander liegende Bögen tief eingraviert, die für die drei Sphären der Welt stehen mögen. Dem Stierkopf-Feld gegenüber ist oberhalb der Riefenzone die untere Welt abgebildet. Hier sind Fische - ein Hecht (?) und ein Lachs - dargestellt; auf das geöffnete Maul des Lachses führt eine Katzenfährte zu. Das vierte Bildfeld liegt unterhalb der Riefenzone, dem Antilopen-Feld gegenüber. Obwohl auch hier unter den Riefen ein Zickzackband angebracht ist und außerdem seitliche Schraffenzonen ausgeführt sind, bleibt die Mitte dieses Feldes leer. Die vier Bögen im unteren Teil des Bildfelds unterstreichen eine Deutung, dass es für den Künstler neben der oberen, mittleren und unteren Welt, wie wir sie aus den Vorstellungen des Schamanismus kennen, vielleicht noch eine vierte Sphäre gegeben haben könnte; denn es scheint so, als symbolisiere dieses Bildfeld die Suche nach dem Platz des Menschen.
 
Bei Ausgrabungen im Kesslerloch nahe Thayngen (Kanton Schaffhausen) wurde 1873/74 der Lochstab mit dem berühmten »weidenden Rentier« gefunden. Im tief gesenkten Kopf des Tieres sind Auge, Augenbraue und Kinnlade als detaillierte Binnenzeichnung angelegt. Das weit ausladende Geweih gehört offensichtlich zu einem männlichen Tier. Die Haarschraffen der »Wamme« hängen zwischen Maul und Vorderbeinen dicht über dem Boden. Der kurze Schwanz des Tieres ist aufgestellt. Die detailliert gezeichnete Beinstellung - das linke Vorderbein fest auf den Boden gestellt, das rechte leicht zurückhängend, das rechte Hinterbein vorangestellt, das linke fest auftretend - unterstützt trefflich die Deutung als »weidende« oder »suchende« Haltung des Rens. Die genau beobachtete Körperhaltung und die eingezogene Bauchpartie kennzeichnen einen brunftigen Rentierhirsch.
 
Die wichtigste Waffe des Jungpaläolithikums war die Speerschleuder, ein Wurfbrett oder ein Wurfstab mit einem Widerhaken, durch dessen Hebelwirkung der geschleuderte Speer eine enorme Durchschlagskraft erhielt. Diese später weltweit verbreitete Speerschleuder kommt heute noch in Australien und bei den Eskimos vor. Im mittleren Magdalénien waren ihre Widerhakenenden mitunter aus Geweih geschnitzt und konnten sich deshalb erhalten. Diese Widerhakenenden sind oft reich verziert. Die Ausschmückung des aus der äußeren, harten Geweihschicht bestehenden Widerhakenendes richtete sich nach Form und Größe des Rengeweihs, was viele Darstellungen erklärt und für deren Verständnis wichtig ist.
 
Bei Ausgrabungen im Verbindungsgang zwischen der Grotte Enlène und dem Höhlenheiligtum Trois-Frères fand man das mit zwei scheinbar miteinander ringenden Steinböcken verzierte Widerhakenende einer Speerschleuder. Die sehr gut modellierten Körper und Beine sind zur Hervorhebung anatomischer Details zusätzlich mit Schraffenleisten graviert. Die Köpfe der Tiere fehlen, da das Rengeweih hier endete; es waren aber heute verloren gegangene Köpfe aufgesetzt, die vermutlich aus einem anderem Material (vielleicht aus Holz) gefertigt waren.
 
In der großen, von der Arize durchflossenen Höhle von Mas-d'Azil (Ariège) fand man das Widerhakenende einer Speerschleuder, auf dem ein zurückblickendes Tier skulptiert ist. Nach unten zu wird dieses Widerhakenende durch einen Schaft verlängert, an dessen unterem Ende sich drei ovale Bohrungen befinden. Wahrscheinlich dienten diese Löcher zur Befestigung des Widerhakenendes an dem hölzernen Wurfstab. Der Tierkörper ist gekonnt und mit vielen Details modelliert. In den Augenhöhlen befand sich ursprünglich eine Inkrustation aus einem anderen Material. Am Hinterteil des Tieres tritt unterhalb des zurückgebogenen Schwanzes ein Ballen aus, auf dem zwei Vögel sitzen, die ihrerseits den Widerhaken bilden. Das Tier wurde zunächst als ein junger Steinbock gedeutet, vielleicht handelt es sich aber auch um ein gebärendes Rentier. Ein sehr ähnlich gestaltenes Widerhakenende fand man in der Höhle von Bédeilhac (Ariège). Bei diesem Tier ist die rötliche Inkrustation in den Augenhöhlen noch erhalten. Die große Ähnlichkeit der Speerschleudern von Mas-d'Azil und Bédeilhac ließ vermuten, dass beide Stücke aus den etwa 30 km voneinander entfernten Höhlen von demselben Künstler gestaltet worden seien.
 
Ebenfalls aus Mas-d'Azil stammt das Widerhakenende einer Speerschleuder, auf dem der Schädel eines Pferdes dargestellt ist. Seine freiliegenden Zahnreihen und die Kontur des Unterkieferknochens machen deutlich, dass es sich um einen halb skelettierten Schädel handelt, obschon Auge und Ohr wie bei einem Pferdekopf wiedergegeben sind. Diese ungewöhnliche Darstellung der Schädelknochen eines Tieres hat man sonst nur noch einmal in einer plastischen Schnitzerei eines Pferdeschädels in Mas-d'Azil gefunden. An diesem Widerhakenende sind außerdem noch zwei Pferdeköpfe geschnitzt, die eine große Ähnlichkeit mit dem Kopf des »wiehernden Pferdes« von Mas-d'Azil aufweisen. Diese kleine Plastik mit leicht geöffnetem Maul dürfte ursprünglich auch die Verzierung einer Speerschleuder gewesen sein. Widerhakenenden von Speerschleudern mit einem Pferdekopf, über dessen Stirn der Widerhaken selbst geschnitzt ist, kommen häufiger vor. Oft ist der Pferdekopf nur angedeutet und verkürzt wiedergegeben, indem Teile des Kopfes auf den Schaft graviert und nur die Ohren zu beiden Seiten des Widerhakens skulptiert sind. Bei einigen Stücken beschränkt sich der Pferdekopf sogar auf die Wiedergabe beider Ohren.
 
Prof. Dr. Gerhard Bosinski
 
 
Vialou, Denis: Frühzeit des Menschen. München 1992.

Universal-Lexikon. 2012.

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